Herbstspaziergang über die Kirchenbaustelle

Kirche Wernigerode, 05. November 2016

An der Gartenpforte ein gelbes Schild: Achtung Baustelle – Betreten verboten.

Doch Blicke sind erlaubt.

Die Toreinfahrt ins Kirchengrundstück ist mit einem Kettenschloss gesichert. Wo mitten auf der großen Wiese einst die Rosen blühten, ragen jetzt rote Plastikabflussrohre aus der Erde. Die Umrisse des Betonfundaments für den Anbau lassen seinen Bestimmungszweck schon gut erkennen. Huch, da steht ja ein DIXI-Klo im Kirchengarten, eingezwängt zwischen großen Containern, Stein-, Erd- und Sandhaufen. Ein kleiner grüner Bagger legt die Grundmauern am Ämterzimmer unserer Kirche frei.

Unsere altehrwürdige dunkelbraune Holztür zum Kirchenraum ist einer kalten Stahltür gewichen, Industriebau Wernigerode GmbH  steht darauf und unten ist ein Spalt offen geblieben.

Würde man dort durchschlüpfen, könnte man sehen:

Altar, Bänke, Garderoben, Läufer, Lampen, die bleiverglasten Fenster, Klavier, Opferkästen, Blumen, Türen … alles weg. Das Altarpodest ist noch da und das Kreuz ebenfalls. Von der Orgel steht nur noch die untere Hälfte. Der Überbau ist komplett demontiert und die großen und kleinen Pfeifen halten in der Werkstatt von Orgelbaumeister Hüffgen Winterschlaf. Große Plastikplanen und Spanplatten dichten den Unterbau und die Luftkanäle mit Spieltisch und Pedal staubdicht ab. Da hat sich doch einer einen Spaß erlaubt und mitten auf die Spanplatten einen großen lachenden Mund gemalt.

Im ehemaligen Ämterzimmer stehen vier alte Holzstühle und ein kleiner Campingtisch mit ein paar Trinkflaschen und Frühstückspaketen für „Baubesprechungen“. Auf der Tapezierplatte vor dem Fenster liegen ein paar Seiten aus dem „Buch der Bücher für die nächsten Monate“ – die Baupläne. Der Wanddurchbruch zur ehemaligen Damentoilette ist schon gemacht.

Die erste Etage mit Kinderchor-, Jugend-, Bewirtungs- und Mehrzweckraum, Küche und Technikraum ist völlig entkernt. Alles, was aus Holz ein-, an- und umgebaut war, ist nicht mehr: es stehen nur noch die kahlen Wände. In das Dachgeschoss gibt es kein Durchkommen: vor der Treppe liegen Putz, Steine, Reste von Schaltern, Steckdosen, Leitungen, Nägel, Schrauben sowie Mengen von Schutt zur Entsorgung.

Noch ein Abstecher in den Keller – nackte Wände – frei von Gipskarton, Putz, Fliesen – alles Baustelle.

Die Heizung ist noch da, auch die Heizkörper sind noch dran. Aber es ist kalt, ungemütlich – ein leeres Haus ohne Leben.

Zum Glück entdecke ich im Schaukasten ein paar Hinweise auf ein herzliches Willkommen zu unseren Gottesdiensten, sonntags in der Liebfrauenkirche und mittwochs in den Nachbargemeinden Elbingerode, Ilsenburg und Blankenburg – da ist es warm.

SiJ

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